Aware 哀れ

Aware 哀れ gilt als eines der wichtigen literarisch-ästhetischen Konzepte des Schrifttums der Heian-Zeit (794–1185). Es beschreibt eine aus tiefster Seele empfundene ästhetische Stimmung der Wehmut über die Erkenntnis der Fragilität und Vergänglichkeit des Lebens.

Der Begriff erscheint in verschiedenen Formen an zahllosen Stellen in „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ (Genji-monogatari 源氏物語, 11. Jh.).

Yoshida Kenkō, Autor des Werkes „Betrachtungen aus der Stille“ (Tsurezuregusa 徒然草, um 1330), beschrieb aware wie folgt:

„Wenn der Mensch nie verklänge wie der Tau von Adashino, sich nie in Luft auflöste wie der Rauch über Toribeyama, sondern für immer in der Welt verweilte: wie würden die Dinge ihren Zauber verlieren, uns zu rühren! Das Kostbarste im Leben ist die Ungewissheit.“

Später wurde das Prinzip ausgedehnt auf die Beschreibung von Objekten der gegenständlichen Welt, welche die Fähigkeit besitzten, das menschliche Herz in tiefgreifender Weise zu berühren. Dazu prägte Motōri Norinaga 本居宣長 (1730–1801) den Ausdruck mono-no-aware 物の哀れ, „Das Pathos der Dinge“, „Das Herzzerreißende der Dinge“, oder auch „Die Ergriffenheit von der Schönheit und Vergänglichkeit der Dinge“. Die Unerträglichkeit des mono no aware wiederum wird zum Beweggrund der menschlichen Dichtung: Der Mensch beginnt zu dichten, wenn er diese Wehmut nicht mehr erträgt.

Stuart Picken nannte aware eine japanische Weltanschauung, eine „Empfindlichkeit gegenüber dem Ästhetischen und Emotionalen als Basis für den Blick auf das Leben. Es ist das Verstehen der natürlichen Schönheit und Güte aller Dinge mit dem Herzen.“

Als Beispiel für mono no aware gilt das Kirschblütenfest (hanami 花見), in dem die simultane Schönheit und Vergänglichkeit der Kirschblüte zelebriert wird.

© 2017, Andreas Quast. All rights reserved.

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